Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Geschichte des Instituts

Sportwissenschaft in der DDR - dargestellt am Beispiel der Universität Halle

Theo Austermühle / Michael Thomas

Aus einem an der Martin-Luther-Universität Halle- Wittenberg seit 1947 existierenden „Institut für körperliche Erziehung und Schulhygiene“ entsteht zum Wintersemester 1948/49 durch eine Verfügung des „Ministers für Volksbildung , Kunst und Wissenschaft des Landes Sachsen-Anhalt“ ein Institut für „Körperliche Erziehung“ als Bestandteil der Pädagogischen Fakultät. Letztere war auf Weisung der Sowjetischen Militäradministration 1946 unter ihrem ersten Dekan, Hans Ahrbeck (1890 – 1981), gegründet worden. Als Direktor des neu gegründeten Instituts wird  Dr. phil. Gerhard Lukas (1914 – 1998) eingesetzt. Die Institutsbezeichnung ist noch bis zum Sommersemester 1951 gültig. Danach  gilt in den Vorlesungsverzeichnissen der Universität „Institut für Körpererziehung“. Lukas begann mit zwei Hilfsassistenten und einer ärztlichen Honorarkraft mit 17 Studierenden die Ausbildung von „Neulehrern“, die ehemals durch die nationalsozialistische Bildungspolitik belastete Lehrer in den Schulen ablösen sollten.

Die Anfänge der Sportwissenschaft in der DDR sind untrennbar mit der Habilitation  von Gerhard Lukas an der Pädagogischen Fakultät  der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg im Jahre 1951 verbunden.

Mit seiner Arbeit „Kritischer Beitrag zur Olympischen Idee“ waren die Voraussetzungen für eine Berufung zum Professor mit Lehrstuhl für das Fach Körpererziehung ab dem Jahr 1952 gegeben. Damit verbunden war für ihn nunmehr die Möglichkeit, in der Pädagogischen Fakultät, später, als diese 1955/56 in die Philosophische Fakultät übergeht, Promotions- arbeiten zum Dr. päd. bzw. Dr. phil. zu betreuen. Hieraus resultierte bereits 1956 die Habilitationsarbeit von Ingo Burisch (1909-1966).  „Gedanken über die Korrelation von Bewegungslehre und Methodik der Körpererziehung“. 1957 folgte die Promotion  von Gerd Möser mit der Dissertation „Untersuchungen der Belastungsverhältnisse  bei der alpinen Skitechnik“ und 1958 folgt  die Promotion von Heinz Hasenkrüger (1927 – 2014) mit der Dissertation „Zur Frage der Methoden des Turnunterrichts- eine entwicklungsgeschichtliche Betrachtung“.

Mitte der 50er Jahre begannen zahlreiche Betreuungsverhältnisse von Forschungsaktivitäten am halleschen Institut sowie anderen Ausbildungseinrichtungen. Im Jahre 1956 schließen    10  Doktoranden an der Deutschen Hochschule für Körperkultur Leipzig (DHFK) ihre Promotionsverfahren ab.

Die DHFK bekommt 1956 das Promotionsrecht und 1965 das Habilitationsrecht. Im Zuge der III. Hochschulreform 1968/69 werden für alle Universitäten und Hochschulen für die Promotionen der Begriff „Dissertation A“ zum Dr. päd. oder phil. usw. und für die Habilitationen der Begriff „Dissertation B“ zum Dr. sc. phil. (zum Beispiel „doktor scientiarum philosophiae “) eingeführt. Dieses Recht wird für die DHFK 1970 quasi noch einmal erneuert.1).

1965 habilitieren sich an der DHFK Gerhard Hochmuth  (1927 – 2011) zu einem Thema aus der Bewegungslehre/ Biomechanik und Wolfgang Eichel (1910 – 1989) zu einem sporthistorischen Thema. Ebenfalls habilitiert sich Horst Gärtner (1927 – 1992) im gleichen Jahr an der Universität Greifswald mit einem sportpädagogischen Thema. Günther Wonneberger (1926 - 2011) habilitiert sich 1967 mit einem sporthistorischen Thema an der Universität Leipzig.

Interessant in diesem Zusammenhang erweist sich ein Beitrag von Recla (1905 – 1987) aus dem Jahre 1956. Er verweist darauf, dass bereits seit 1945 die gesetzlichen Bestimmungen dafür existieren, an österreichischen Universitäten mit Themen aus den Leibesübungen zu promovieren bzw. sich zu habilitieren. Nur, mit der Habilitation kann man lediglich eine „Dozentur mit Lehrauftrag in Theorie und Geschichte“ erhalten. Ein Ordinariat ist damit nicht zu erlangen. 2)

Aufschlussreich für die Diskussion um die Entwicklung auf dem Gebiet der Sportwissenschaft erweist sich der gesamtdeutsche Diskurs im Jahre 1955, der unter der Bezeichnung „Tagung der Arbeitsgemeinschaft der Institutsdirektoren (Sport) Deutschlands“ vom 7. bis 9. Februar in Halle an der Saale stattfand. 3)

Das Zustandekommen dieser Veranstaltung war der besonderen politischen Situation in jenen Jahren geschuldet und verfolgte vordergründig politische Ziele seitens der DDR- Parteiführung. 4) Diese Tagung führte trotz dieser politischen Zielstellung zu einer aufschlussreichen Bilanz der sportwissenschaftlichen Entwicklung in beiden deutschen Staaten.

Bereits zu diesem Zeitpunkt scheint der Terminus „Sportwissenschaft“ in der Diskussion von beiden Seiten weitgehend akzeptiert worden zu sein. Lukas hatte diesen Begriff mehrfach in Veröffentlichungen und im Diskurs mit Recla als gemeinsames Bindeglied in die Entwicklung des Fachgebiets eingebracht. Auch Otto Neumann (Heidelberg), der damalige Vorsitzender der „Arbeitsgemeinschaft der Institutsdirektoren Deutschlands“ in der Bundesrepublik, in dessen Bereich noch die Begriffe Leibeserzieher und Leibesübungen vorherrschten, behandelte in seinem Hauptvortrag das Thema: „Was macht eine Sportwissenschaft aus?“

Als weitere Referenten sind verzeichnet: Lukas (Halle), Henze (Göttingen), Lotz (Würzburg), Lindner (Marburg), Feige (Kiel), Hanebuth (Saarbrücken), Kirsten (Leipzig), Stiehler und Eichel (beide DHFK Leipzig).

Die Vorträge der bundesrepublikanischen Vertreter vermitteln den Eindruck, dass sie

den Stand ihrer Ausbildung recht kritisch einschätzen. Dies gipfelt in der Feststellung von Otto Neumann, dem Vorsitzenden der westdeutschen „Arbeitsgemeinschaft der Institutsdirektoren“, dass offenbar „der habilitierte Institutsdirektor“ in der Bundesrepublik „nicht erwünscht“ sei.

„Abschließend sprach Herr Dr. Neumann die Bitte aus, die offene Aussprache nicht für propagandistische Zwecke zu nutzen.“ 5)

Während eines Zeitzeugeninterviews mit Gerhard Lukas am 3. 4. 1996 erhielt ich von ihm hierzu folgende Information: Otto Neumann hatte vergeblich versucht, sich  in München  für ein  Habilitationsverfahren  zu bewerben. Daraufhin bot ihm Lukas an, dies an der Philosophischen Fakultät in Halle zu beantragen. Diese Möglichkeit hätte er aber dann auf Einspruch des zuständigen Kultusministers in Baden- Württemberg nicht weiter verfolgt.

Der Ertrag dieser Veranstaltung wird von allen Seiten als relativ positiv und für den wissenschaftlichen Dialog als weiterführend eingeschätzt. Es wird ein regelmäßiger Austausch sportwissenschaftlicher Beiträge („Ständige Bücherbörse“) sowie eine nächste Zusammenkunft für Pfingsten1955 verabredet. Letztere fand auch tatsächlich unter Teilnahme von Lukas in Münster statt.

Als im Mai 1955 die Bundesrepublik der NATO beitritt und als Reaktion hierauf die DDR 1956 Mitglied des Warschauer Paktes wird, sind die beabsichtigten politischen Grundlagen der Wiedervereinigungs- Propaganda der DDR nicht mehr gegeben. Es herrscht „Kalter Krieg“ zwischen den ehemaligen Siegermächten des II. Weltkrieges. Die Sport- und Wissenschaftspolitik der DDR- Führung geht von da ab völlig andere Wege.

Lukas gelangte bereits 1949 in eine Schlüsselposition innerhalb der Leiter und Direktoren der anderen Institute für Körpererziehung, als ihm der Vorsitz in der Studienplankommission dieser Institute angetragen wurde. Das hallesche Institut wurde im Wintersemester 1950/51 in den Rang eines Musterinstituts erhoben.  6)

Lukas galt zu diesem Zeitpunkt noch  als designierter Rektor der in Leipzig zu gründenden  Deutschen Hochschule für Körperkultur.

Als diese im Oktober 1950 ihren Betrieb aufnimmt, hält er noch zur Gründungsfeier  die Eröffnungsrede als Sportwissenschaftler, hat aber aus Furcht vor den „Jungen Wilden“, wie sie Krüger/Kunath 2001  charakterisieren 7), das Rektoramt an J. Lohmann aus Halle abgetreten. Im Jahre 1957 beginnen Hospitationen an den Instituten für Sportwissenschaft der DDR. Das erste ausgesuchte Institut ist das in früheren Jahren als Musterinstitut apostrophierte Institut an der Universität in Halle. Ziel dieser Hospitationen, die von Mitgliedern des Staatlichen Komitees für Körperkultur und Sport (STAKO) und der DHFK durchgeführt werden, ist die sozialistische Umgestaltung der Ausbildung. Gleichzeitig laufen in allen Fachrichtungen Versuche zur Säuberung der Einrichtungen von „bürgerlichen Wissenschaftlern“. Diese Maßnahmen treffen den Institutsdirektor in Halle, der 1955 noch seine Westverbindungen zur Kontaktaufnahme  nutzbar machen sollte, nun mit besonderer Härte. Ebenso seinen Stellvertreter, den zweiten habilitierten, aber Partei losen, Prof. Ingo Burisch. Letzterer wird als Hauptakteur der antisozialistischen Lehre und Forschung ausgemacht. Lukas und Burisch werden im Frühjahr 1958 als Konsequenz dieser „Hospitation“  von der Lehre suspendiert und zeitweise  mit Hausverbot belegt.

Insgesamt scheitern diese ersten Versuche einer durchgängigen sozialistischen Umgestaltung des Hochschulwesens, in dem die Ausbildung an den Sportinstituten wegen ihrer militärpoli- tischen Bezüge im besonderen Fokus der Führungseliten stand, an dem Ausbluten der Universitäten bei den noch relativ durchlässigen Grenzen. Die Frauenabteilung der Universitätsklinik in Halle musste zum Beispiel geschlossen werden, weil alle maßgeblichen Ärzte und Operationsschwestern geflohen waren. In anderen Wissenschaftsbereichen herrschten ähnliche Verhältnisse. 8)

Walter Ulbricht persönlich versuchte in einer Parteikonferenz am 21. April 1958 in Halle die ursprünglich von den Partei- und staatlichen Leitungen, einschließlich des Staatssicherheitsdienstes, begonnenen Säuberungen in ein Gleis zu bringen, dass die Arbeitsfähigkeit der Institute und Fachbereiche gewährleistet werden konnte.

Im Nachhinein beurteilt, kann man von einer verfrühten, gescheiterten sozialistischen Hochschulreform sprechen, die erst nach Schließung der Berliner Grenze am 13. August 1961 erneut mit langjähriger Vorbereitung vollendet werden sollte.

Im Zuge der von der Parteiführung angestrebten Umbesetzung des Postens des Instituts- direktors und der Parteileitung der SED am Institut gab es nun einen neuen Direktor von der DHFK. Der Mitgliederbestand der SED- Grundorganisation hatte zugenommen, wie auch eine  politisch zuverlässigere Generation von Nachwuchskräften aus dem eigenen Bestand in den Lehrkörper aufgenommen wurde.

Lukas, und später auch Burisch, durften  ihre Lehrtätigkeit wieder aufnehmen, ohne zunächst ihre Leitungsfunktionen wieder zurückzubekommen.

Die Universität hatte aus anderen Fachgebieten eine Reihe von Professoren verloren, die nach Westdeutschland geflüchtet waren. Am Institut für Körpererziehung waren dies acht Lehrkräfte, die kurz vor der Promotion standen oder führende Persönlichkeiten in ihren Fachgebieten waren (Gymnastik, Schwimmsport, Leichtathletik, Turnen, Altphilologie/ Historie). Eine Lehrkraft nahm sich im Zuge dieser Ereignisse das Leben.

Trotz der erreichten Neustrukturierung des Instituts musste  der im Zuge dieser Ereignisse eingesetzte Direktor Stiehler (1925 – 2000) bereits 1961 wieder die Universität verlassen  und kehrte an die DHFK zurück.  Die Art und Weise dieses Neuanfangs war bestimmt durch die Einbindung von  deutlich mehr SED-Mitgliedern, jungen  Nachwuchskräften aus der eigenen Ausbildung und, ab 1963 wieder dem alten Direktor, Gerhard Lukas, der im Jahre 1963 sogar für 6 Jahre zum Prodekan und Dekan der Philosophischen Fakultät gewählt wurde. Dies alles erkauft auf Grund persönlicher und wissenschaftlicher Entmündigung.

Ab 1961 waren die Grenzen nach Westdeutschland hermetisch abgeriegelt. An einen fachlichen Austausch mit den Direktoren aus der Bundesrepublik war nicht mehr zu denken. Selbst mit den osteuropäischen Nachbarn kamen erst Mitte der 60er Jahre erste zaghafte Kontakte über Sportvergleiche zustande.  Es gab einige Forschungsprojekte aus der Didaktik des Sportunterrichts, der Sportpsychologie und der Jugendforschung, über die auch international besetzte Konferenzen und Symposien abgehalten worden sind.

In dieser Situation nutzte das ZK der SED und die zuständigen Ministerien, das waren das Ministerium für Volksbildung, das Ministerium für das Hoch- und Fachschulwesen, für den Sport (DHFK) das Staatssekretariat für Körperkultur und Sport beim Ministerrat der DDR zu einer grundlegenden Profilierung und Strukturierung des Hochschulwesens und des Sports im Sinne der sozialistischen Umgestaltung. Für das Ende der 60er Jahre war die III. Hochschul- reform angekündigt worden. Im Jahre 1961 (Wintersemester) wird Burisch  zum Professor für das Fachgebiet „Theorie der Körpererziehung“ berufen. Diese verspätete Berufung war zweifellos der neuen Funktion von Lukas im Dekanat der Philosophischen Fakultät zu verdanken.

Mitte der 60er Jahre wurde eine  Neustrukturierung des Instituts für Sportwissenschaft erarbeitet. Die zunehmende Ausdifferenzierung der wissenschaftlichen Arbeiten erforderte Integratives Denken und Planen. Heß schreibt 1995 :… „hervorhebenswert erscheint mir Lukas` Aufgeschlossenheit und sein Verantwortungsbewusstsein gegenüber der starken Differenzierungstendenz in der Sportwissenschaft der 60er und 70er Jahre, in der er als einer der wenigen habilitierten Sportwissenschaftler nicht nur uns, seinen Schülern, sondern gleichzeitig auch vielen jungen sportwissenschaftlichen Disziplinen quasi in statu nascendi zur Seite stand und sie förderte. Als jüngerer Assistent konnte man dieses, sein Grundprinzip nur erahnen, klarer erkannte man es erst durch die langjährige Arbeit  unter ihm und mit ihm- das Grundprinzip nämlich der Einheit von höchster Fachkompetenz im eigenen Wissen- schaftsgebiet einerseits und der Verantwortung andererseits gegenüber komplexen Fragestellungen der Wissenschaftsentwicklung insgesamt.“ 9)

So wurde im Zeitraum bis zum Jahre 1965 eine Institutsstruktur entworfen, die den Anforderungen der Lehre, Forschung und Wissenschaftsentwicklung genügen sollte. Dieser Entwurf hatte für alle Institute für Sportwissenschaft der DDR Gültigkeit.

Dr. phil. Gerhard Lukas

Dr. phil. Gerhard Lukas

Dr. phil. Gerhard Lukas

Die Institutsstruktur auf der Basis von fünf Wissenschaftsbereichen - Ansätze zu einer ersten Integration 1965 -

  • Gesellschaftswissenschaftliche Grundlagen der Sportwissenschaft (Geschichte der Körperkultur, Theorie der Körperkultur, Sportpsychologie, Sportpolitik)
  • Naturwissenschaftliche Grundlagen der Sportwissenschaft (Bewegungslehre, Biomechanik)
  • Sportmedizin
  • Theorie und Praxis der Sportarten, Allgemeine Theorie und Methodik des Trainings (als Wissenschaftsdisziplin mit Leit- und Integrationsfunktion gedacht)
  • Methodik des Sportunterrichts

Zu Beginn der 60er Jahre wird bekannt, dass Margot Honecker als Ministerin für Volksbildung beabsichtigt, die Lehrerausbildung voll an die Pädagogischen Hochschulen zu übernehmen. Auch dies war ein Versuch, die sozialistische Reformierung der Universitäten durchzusetzen. Damit war der Bestand der Universitätsinstitute gefährdet.

1962 wird in Magdeburg eine Pädagogische Hochschule gegründet, die zum Aufbau ihrer Sportlehreausbildung Lehrkräfte aus der Pädagogischen Hochschule Halle abordnet. Das waren alles Lehrkräfte, die am Institut für Körpererziehung der halleschen Universität ausgebildet worden waren. Darunter der spätere Direktor der Magdeburger Einrichtung, Prof. Horst Gropler, und der Sporthistoriker, Prof. Norbert Heise.10)

Die erkennbare Tendenz der bevorzugten Ausbildung und Ausgestaltung der Pädagogischen Hochschulen ermutigt das Staatssekretariat für Körperkultur und Sport, um nunmehr  Leistungssportaufgaben, mit denen die DHKFK und das Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport Leipzig trotz ihres sehr großen Personalbestandes überfordert sind, in die Institute für Sportwissenschaft der Universitäten zu delegieren. Bei diesen Absprachen von Prof. Günter Erbach als Staatssekretär mit den Institutsdirektoren verlagern sich Forschungsauf- gaben aus dem Bereich des Leistungssports in die oben genannte Institutsstruktur. Wobei in den Praxisbereichen der Sportarten sowohl diese Forschungsaufgaben als auch die Praxisausbildung der Lehramtsstudenten abgedeckt werden müssen.

Trotz der Neugründung von Pädagogischen Hochschulen, die eigene Institute für Sport- wissenschaft nach eben dieser vorgestellten Struktur errichten, kann Margot Honecker ihre Pläne nicht voll umsetzen. Das Staatssekretariat für Körperkultur und Sport sowie  der DTSB haben kein Interesse am Verschwinden der Institute an den Universitäten. Jeder Sektor nutzt in dieser Auseinandersetzung seine unterschiedlichen Zugänge zur Machtzentrale im DDR-Staat, dem Zentralkomitee der SED.

Am Institut für Sportwissenschaft der Universität Halle werden drei leistungssportliche Themen vertraglich gebunden. Das sind in der Leichtathletik das Thema „Verbesserung der Leistungsfähigkeit und deren Trainingssteuerung im Sprint- und Hürdenbereich“; im Turnen: „Die Trainingsoptimierung technischer Varianten im Stützsprung des Gerätturnens“ sowie „Die Trainingsoptimierung in den Kurzzeit-Ausdauerdisziplinen im Schwimmen.“

Mit ähnlichen Themen wurden noch die Institute der Humboldt-Universität Berlin bedacht (Thema Rudern), das Institut der Friedrich-Schiller-Universität bearbeitete die Themen Bob- und Rennschlittensport und die DHFK hatte als Themen den Kanu-Rennsport, Fußball, Handball und Volleyball zu bearbeiten.

Während der Einführung dieser leistungssportlichen Akzentuierung wird die III. Hochschul- reform durchgeführt. Damit ändern sich nicht nur die politisch- ideologischen Grundlagen des Studiums, die Promotions- und Habilitationsordnungen, sondern damit  auch Veränderungen in der  Leitungsstruktur der Fachgebiete.

Das Institut für Sportwissenschaft wird umgewandelt in eine Sektion für Sportwissenschaft, die einen Direktor, einen Stellvertretenden Direktor für Erziehung und Ausbildung, einen Stellvertretenden Direktor  für Forschung und einen Stellvertretenden Direktor für den Studentensport bekommt. Diese Sektionsbildungen wurden deshalb gewählt, weil dadurch Gebilde einer Größenordnung zustande kamen, die einem heutigen Fachbereich entsprachen. Durch Eingliederung der bisherigen Abteilung Studentensport, mit annähernd 30 Hochschulsportlehrer- Stellen, hatte die Sektion Sportwissenschaft damit annähernd 60 bis 70  Stellen an Lehr- und Forschungspersonal.11)

Folgen für die Sportausbildung in Halle sollte  die Einflussnahme durch das Ministerium für Volksbildung insofern haben, als das zugeteilte Kontingent an Studierenden in Halle jeweils jährlich 40 bis 50 Neuimmatrikulierte betrug. An der Pädagogischen Hochschule in Magdeburg wurde am Ende der 80er Jahre nahezu das Doppelte an Studierenden im ersten Semester immatrikuliert. Die  Umstrukturierung der Lehre und Forschung erbrachte mit dem Ende der 60er Jahre eine Abwendung von bisher verfolgten Forschungsthemen aus der Didaktik des Schulsports und einer in den Anfängen stehenden Hinwendung zu Fragen der Auswirkungen gesundheitlicher Prävention (Gruppen von Herzpatienten). Begleitend hierzu wurden die nunmehr Vorrang anmeldenden Gruppen der Leistungssportforschung personell aufgestockt. Gleichzeitig veränderten sich die Art und Weise akademischer Lehre und Forschung und dort etablierter Gepflogenheiten. Die Praxiswirksamkeit der Forschung und deren zentralistische Steuerung werden zu dominierenden Prinzipien. Daneben ist häufig die Nutzung der Lehre auch für die Forschung (Dienstleistungen durch Studierende) zu beobachten. Methoden der Steuerung von außen waren: Eröffnungsverteidigung eines Forschungsvorhabens, Pflichtenhefte, Teilabschluss- und Jahresabschlussberichte, Planungen auf der Grundlage von Olympiazyklen, und viele hauptamtlich agierende Akteure aus unterschiedlichen Gremien des Leistungssports, der staatlichen Verwaltungen und der Parteiorganisation der SED als Kontrollinstanzen.

Ein so strukturierter und organisierter Sektor der Sportwissenschaft verschließt sich letztlich der Einbeziehung einer „scientific community“ und weitgehend einer theoretischen Verallgemeinerung. Die dort gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse unterliegen Geheimhaltungsstufen, wie sie mit Begriffen wie „Nur für den Dienstgebrauch“(NFD), „Vertrauliche Dienstsache“ (VD) oder „Vertrauliche Verschlusssache“ (VS) angewendet wurden. Sie sind letztlich nur den im Leistungssport verpflichteten Personen zugänglich und waren selbst den anderen Sektionsangehörigen verschlossen. Das erwies sich im Sinne der Wissenschaftsentwicklung zunehmend als Hindernis, weil sich die Forschungsgruppen lediglich einem innenperspektivischen Diskurs stellen können. Eine vorurteilsfreie Außenperspektive wird hierdurch weitgehend verhindert.

Die Leistungssportforschung dominierte ab den 70er Jahren die Entwicklung der Sektion Sportwissenschaft in Halle. Daneben gab es Themenkomplexe in der Sportpsychologie (Spielsportforschung), in der Sportsoziologie (Jugendforschung), in der Sportgeschichte und Sportdidaktik, die in der Zentralen Forschungsplanung des Staatssekretariats für Körperkultur und Sport in extra Staatsplanthemen aufgeführt waren. Diese Dominanz der  Leistungssport- forschung und die Eigenarten des wissenschaftlichen Designs veränderten auch die akademischen Bedingungen bei den dort angestrebten Graduierungsgepflogenheiten.

Aufgrund der  relativ engen Themenstellung und der daran beteiligten Personen, kann man durchaus mitunter von inflationären Tendenzen bei Graduierungsabschlüssen sprechen. Mitunter wurden sogar Gemeinschaftspromotionen zu einem Thema sowohl bei den Promotionen A als auch bei den Promotionen B  zugelassen, wobei jeder der Doktoranden seinen eigenen Anteil der erbrachten Leistung  ausweisen musste. Dies wurde zum Ende der DDR-Sportwissenschaft weitgehend wieder abgeschafft.

Ergebnisse der Leistungssportforschung durften in keinem Fall auch nur in Teilen mit anderen Einrichtungen, auch nicht mit osteuropäischen Sportwissenschaftlern, ausgetauscht werden.

Unsere zahlreichen internationalen Sportbeziehungen zu osteuropäischen Universitäten (Bratislava, Budapest, Poznan, Leningrad) erwiesen sich deshalb, bis auf wenige Ausnahmen  in anders thematisierten Forschungsfeldern, als wenig ergiebig. Kolloquien oder Konferenzen wurden dann im Wesentlichen von den Fächern bestritten, die nicht im Leistungssport gebunden waren.

Die folgende Lehrkräftebilanz soll diesen Wandel vom Institut für Körperziehung zur Sektion Sportwissenschaft belegen:

1948/49  Lehrkräfte    3   (männlich)

1952/53  Lehrkräfte   23 (18 männlich, 5 weiblich)

1955/56  Lehrkräfte   34  (26 männlich, 8 weiblich)

1991/92  Lehrkräfte   43  (32 männlich, 11 weiblich)

Dieser Stamm von Mitarbeitern lässt sich für 1991/92 wie folgt aufgliedern:

3 ordentliche Professoren; 5 a. o. Professoren (davon eine Professorin), 5 Dozenten, 2 befristete promovierte Assistentinnen, ein promovierter befristeter Assistent, ein befristeter Assistent, 8 promovierte  Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen, 17 Wissenschaftliche Mitarbeiter (davon 2 habilitiert und 10 promoviert).

Zur Sektion Sportwissenschaft gehörten zu diesem Zeitpunkt zusätzlich 15 Hochschulsportlehrer (davon 4 promoviert) des Hochschulsports, und 11 Hochschulsportlehrerinnen (davon eine promoviert) des Hochschulsports. Insgesamt hatte die Sektion für Sportwissenschaft der Universität Hallewährend der 80er Jahre mit nichtwissenschaftlichem Personal  (Sekretärinnen, Laboranten, Haus- und Hallenmeister- stellen und Reinigungspersonal) über 100 Personalstellen. Damit war Halle nach der DHFK Leipzig die  personell  bestausgestattete sportwissenschaftliche Sektion der DDR.

Allerdings litt die Sektionsstruktur in Halle wesentlich unter einer starken Standortverteilung der einzelnen Fachabteilungen. Die als Ausgangspunkt der Institutsgründung geltenden Räume in der Moritzburg reichten bei dem vorgestellten  Personalzuwachs nicht mehr aus. Es existierten deshalb daneben noch die Dienststellen für die Sportart Schwimmen und die

Sportmedizin (Robert-Franz-Ring 13 a), des Gebäudes der „Theorie und Praxis der Sportarten“  bzw. Leistungssportforschung (Robert-Frantz-Ring 9), der „Methodik des Sportunterrichts“ (Puschkinstraße), der „Gesellschaftlichen Grundlagen der Sportwissenschaft“ (Große- Stein –Straße) , sowie des „Fachbereichs Studenten-sport“  (Große- Ulrich- Straße und Klement- Gottwald- Straße für die Lehrgruppen I und II).

Diese Dislokation der Diensträume mag Störungen des Betriebsklimas erwarten lassen, wurde aber dadurch abgemildert, dass sich Universitätsplatz und Moritzburg, als Hauptsitz der Sektion Sportwissenschaft, sowie alle genannten Standorte in ca. 15 Minuten zu Fuß erreichbar waren. Dies trifft auch auf die wichtigsten Sporthallen und -plätze zum damaligen Zeitpunkt zu.

Bausubstanz und deren Erhaltungszustand bedürften einer gesonderten Betrachtung, bei einer soziologisch/ betriebswirtschaftlich exakten Analyse.

1) Die Sporthochschule Köln bekommt erst 1970 das  Promotions- und Habilitationsrecht. Hierauf bezieht sich die  Feststellung in der „Kleinen Enzyklopädie Körperkultur und Sport“, 3.  Auflage 1965, 145, in Bezug auf die DHFK Leipzig: „Sie ist die einzige  Hochschule dieses Fachgebiets, die in beiden deutschen Staaten das Recht  hat, den akademischen Doktorgrad zu verleihen.“ Der Fokus liegt hier  auf „Hochschule“.

2) Recla, J.:  1956, 899

3)  Auch als „I. Gesamtdeutsche Direktoren – Tagung“ in die  Universitätsakten der halleschen Universität eingegangen. UA Halle, Rep.22 G Nr. 411 ff.

4)  vgl.: Austermühle1997, 53 ff. Ausführlichere Abhandlungen zu diesen Vorgängen in: Austermühle  2002, 192-222

5) UA Halle Rep. 22 G, Nr. 411, S. 4 des Schreibmaschinenprotokolls

6) Protokoll der Tagung vom 4.9.1950 „ betreffs Ausbau des Instituts für Körpererziehung der Universität Halle zum Musterinstitut der DDR“

7) Krüger/Kunath 2001, 356

8) Austermühle 2001, 150, Anmerkung 96

9) Heß 1995,38

10) vgl.: Magdeburger Bibliographisches Lexikon, 229, Stichwort Gropler und 722, Stichwort Thieß

11) Hochschulsportlehrer betreuten die Studierenden aller Fakultäten im  obligatorischen Studentensport innerhalb der ersten beiden Studienjahre.  In den höheren Studienjahren gab es zahlreiche fakultative Sportgruppen  außerhalb der Fakultätsbindung. (vgl. Austermühle 2000)

Quellen- und Literaturverzeichnis

Universitätsarchiv Halle-Wittenberg:

UA Halle,Rep. 22 G Nr. 411

Protokoll der Tagung vom 4.9.1950 „Betreffs Ausbau des IFK der Universität Halle zum Musterinstitut der DDR“,. Zitiert bei Lukas, G. (1956) Bericht über das Institut für Körpererziehung. In: WZ der MLU Halle-Wittenberg. Gesellschafts- Sprachwissenschaftliche Reihe V, H 1 ,145

Austermühle, T.:1996 Die Entwicklung der Sportwissenschaft in der DDR am Beispiel der Universität Halle. In: Gissel/Rühl/Teichler (Hrsg.) 1996 : Sport als Wissenschaft, Hamburg, 47-56

Austermühle, T.(Hrsg.) 2000. Vom Studentensport zum Hochschulsport, Aachen

Austermühle, T. : Die universitären Institute- Das Fallbeispiel Halle. In: Buss,W./ Becker, C.. (Hrsg.) 2001: Aktionsfelder des DDR- Sports in der Frühzeit (1945- 1965), Köln, 133- 164

Austermühle,T. : Das Institut für Sportwissenschaft. In: Rupieper, H.- J.: (Hrsg.):Beiträge zur Geschichte der Martin- Luther-Universität Halle- Wittenberg (1502 – 2002), Halle, 192 – 222

Heß, W. D.: Reflexion zur Wissenschaftsentwicklung 36- 39.In: Austermühle, T. /Konzag, G. (Hrsg.) 1995: Sportwissenschaftliche Reflexionen zwischen Vergangenheit und Zukunft. Festschrift für Gerhard Lukas, Hamburg

Kleine Enzyklopädie Körperkultur und Sport, 3. Auflage 1965, Leipzig

Krüger, A./ Kunath, P:  Die Entwicklung der Sportwissenschaft in der SBZ/DDR . In:

Buss,W./ Becker,C. (Hrsg.) 2001: Der Sport in der SBZ und frühen DDR, Schorndorf, 351- 366

Magdeburger Biographisches Lexikon, 19. und 20. Jahrhundert, Magdeburg 2002

Weidig, U. (1960): Bibliographie der Dissertationen aus Körperkultur, Körpererziehung, Sport und verwandten Gebieten (In- und ausländische Dissertationen in deutscher Sprache sowie an deutschen Universitäten verteidigte fremdsprachige Dissertationen von 1648 bis 1959), Leipzig.

ZeitraumBezeichnungDirektorIn/ kommissarischer Leiter
1924/25 - 1936Institut für LeibesübungenDr. R. Conrad
bis 1942Hochschulinstitut für LeibesübungenDr. W. Ebel
1942 - 1945Hochschulinstitut für LeibesübungenDr. G. Weimann
K. Graßhoff
L. Hagedorn
1947/Sommersem.Institut für körperliche Erziehung und SchulhygieneProf. Dr. G. Hinsch
1948/Sommersem.
1948-49/Wintersem.
Institut für körperliche ErziehungOStR. Dr. P. Schulz
Doz. Dr. Gerhard Lukas
1949/Sommersem.- 1951Pädagogisches Institut für körperliche ErziehungDoz. Dr. Gerhard Lukas
1951-52/Wintersem.-
1958/Sommersem.
1958 - 1961

1962 - 1968
Institut für KörpererziehungProf. Dr. Gerhard Lukas

Dr. W. Schröder
Dr. Gerd Stiehler
Prof. Dr. Gerhard Lukas
bis 1969Institut für SportwissenschaftProf. Dr. Gerhard Lukas
bis 1977Sektion SportwissenschaftProf. Dr. Gerhard Lukas
bis 1990Prof. Dr. Gerhard Möser
bis 1991Institut für SportwissenschaftProf. Dr. Jürgen Leirich
bis 1992Prof. Dr. Heinz Hasenkrüger
bis 1998Prof. Dr. Theobald Austermühle
bis 2000Prof. Dr. Ulrike Ungerer-Röhrich
bis 2005Prof. Dr. Siegfried Leuchte
01.20052006 Department SportwissenschaftProf. Dr. Kuno Hottenrott
09.2008Prof. Dr. Oliver Stoll
09.2009Prof. Dr. Kuno Hottenrott

09.2011

Prof.Dr. Rainer Wollny

2013

Prof.Dr. Oliver Stoll

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